Chicken Police: Into the HIVE! – Ein Noir-Abenteuer voller Federn, Korruption und Insekten
Keine Spoiler

Chicken Police: Into the HIVE! – Ein Noir-Abenteuer voller Federn, Korruption und Insekten

Verfasst am 30. November 2025
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Geschrieben von wyrdsister87

Chicken Police: Into the HIVE! ist der Nachfolger des kultigen Adventures Chicken Police – Paint it RED!. 

Entwickelt vom ungarischen Studio The Wild Gentlemen, kehrt das tierische Ermittlerduo Sonny Featherland und Marty MacChicken zurück, um sich einem neuen Fall zu stellen, der sie tief in die Schattenseiten von Clawville führt – genauer gesagt, in das gefährliche Insektenviertel The Hive.

Was folgt, ist eine filmreife Mischung aus klassischem Film-Noir, satirischer Gesellschaftskritik und schwarzem Humor, verpackt in eine stilisierte Tierwelt, die ihresgleichen sucht.

Eine Stadt aus Federn, Fell und Chitin

Die Welt von Chicken Police: Into the HIVE! ist ein kreatives Kunstwerk. 

Hier existieren Tiere mit menschlichen Körpern und tierischen Köpfen in einer komplexen Gesellschaft, die frappierend an unsere eigene erinnert.

Clawville – die Stadt der Handlung – ist ein Ort voller Gegensätze: Reiche Vogelviertel treffen auf heruntergekommene Insektenbezirke, Ordnung und Korruption verschmelzen, und die Grenzen zwischen Gut und Böse sind so verschwommen wie der Rauch in einer alten Bar.

Die Hive, das titelgebende Insektenviertel, spielt dabei eine zentrale Rolle. Hier leben die niederen Spezies – ausgegrenzt, arm und von der Gesellschaft vergessen. 

Der Einstieg des Spiels führt Sonny und Marty in genau diesen Teil der Stadt, wo die Straßen nach Gefahr riechen und jedes Gespräch eine neue Wendung bereithält.

Das Setting ist nicht nur visuell beeindruckend, sondern auch erzählerisch stark. 

Es dient als Allegorie auf Diskriminierung, Klassenspaltung und soziale Ungleichheit – Themen, die selten so elegant in einem Videospiel verarbeitet werden.

Ein Noir-Drama in fünf Akten

Das Spiel ist in fünf Kapitel gegliedert, die jeweils neue Orte, Figuren und Wendungen einführen. 

Ohne große Spoiler lässt sich sagen:

Der Anruf aus dem Hive

Ein rätselhafter Hilferuf bringt Sonny und Marty wieder zusammen. 

Eine Insektenfrau sucht ihren verschwundenen Ehemann – und bald stellt sich heraus, dass mehr dahinter steckt als eine simple Vermisstenanzeige.

Betreten der Hive

Das Duo begibt sich in das verbotene Viertel. Was sie dort finden, ist ein Netz aus Angst, Geheimnissen und seltsamen Allianzen. 

Spielerisch öffnet sich hier die Welt: Gespräche, Spurensuche und Erkundung stehen im Vordergrund.

Alte Wunden, neue Wahrheiten

Die Beziehung zwischen Sonny und Marty wird intensiver beleuchtet. 

Zugleich zeigt sich, wie tief das System Clawvilles verrottet ist – Polizei, Politik, Unterwelt: alles hängt zusammen.

Der Druck steigt

Konfrontationen nehmen zu, Verbündete werden zu Gegnern. Entscheidungen wirken sich zunehmend auf den Ton der Geschichte aus, während sich die Ermittlungen zuspitzen.

Wahrheit im Nebel

Ohne das Ende zu verraten: Das Spiel liefert einen Abschluss, der sowohl befriedigend als auch nachdenklich stimmt. Viele Fragen werden beantwortet – aber nicht alle.

Charaktere mit Biss und Charme

Sonny Featherland

Ein alternder Cop, zynisch, müde und gleichzeitig scharfsinnig. Seine Stimme und Haltung tragen die Noir-Atmosphäre – halb Humphrey Bogart, halb resignierter Philosoph.

Marty MacChicken

Der jüngere, leidenschaftlichere Partner. Etwas hitzköpfig, aber mit einem großen Herz. Seine Dynamik mit Sonny ist das emotionale Rückgrat des Spiels.

Nebenfiguren

Über 30 voll vertonte Figuren bevölkern Clawville: korrupte Politiker, mysteriöse Insekten, religiöse Fanatiker, alte Bekannte aus dem Vorgänger. 

Jede Figur ist markant und trägt zur dichten Atmosphäre bei.

Die Synchronsprecher leisten großartige Arbeit – besonders die Hauptcharaktere liefern authentische, glaubwürdige Leistungen, die weit über das übliche Indie-Niveau hinausgehen.

Gameplay – Zwischen Ermittlungen und Ablenkungen

Das Grundgerüst des Spiels besteht aus klassischem Point-and-Click-Adventure:

° Untersuche Tatorte

° Sammle Hinweise

° Führe intensive Verhöre

° Kombiniere Beweise

Die Dialogsysteme sind tiefgehend und erlauben es, Gespräche in verschiedene Richtungen zu lenken. 

Dabei ist die richtige Balance aus Misstrauen, Charme und Härte gefragt, um an Informationen zu kommen.

Daneben gibt es optionale Codex-Einträge, Sammelobjekte und Nebenaufgaben, die zusätzliche Lore oder humorvolle Momente bieten.

Ein besonderes Highlight ist die visuelle Präsentation:

Klassisch in Schwarz-Weiß (Noir-Modus) oder

In farbigem Technicolor-Stil – ein spannender Bruch, der der Welt frisches Leben einhaucht.

Atmosphäre & Stil – Ein audiovisuelles Meisterstück

Into the HIVE! schafft es, einen unverkennbaren Stil zu etablieren.

Die dichten Schatten, das flackernde Neonlicht, der Jazz-Soundtrack – alles wirkt wie ein spielbarer Noir-Film der 40er Jahre.

Doch statt Menschen agieren hier Tiere – und das funktioniert erstaunlich gut.

Der Kontrast zwischen ernster Geschichte und tierischen Figuren schafft Raum für Ironie und Selbstreflexion. 

Der Humor ist trocken, oft sarkastisch, aber nie albern. 

Gleichzeitig werden ernste Themen wie Diskriminierung, Korruption und moralische Schuld mit überraschender Tiefe behandelt.

Die grafische Qualität ist – gemessen am Indie-Status – hervorragend. 

Jedes Bild könnte ein Screenshot aus einem alten Film sein, jedes Gespräch ein Drehbuchzitat.

Themen und Botschaften

Trotz seiner tierischen Oberfläche ist Chicken Police: Into the HIVE! ein Spiel über zutiefst menschliche Themen:

Gesellschaftliche Ungleichheit: Insekten als unterdrückte Minderheit.

Macht und Korruption: Polizei und Politik als Spiegel realer Systeme.

Freundschaft und Vergebung: Sonny und Marty als Sinnbild für Loyalität trotz Konflikten.

Identität und Schuld: Der innere Kampf zwischen Pflicht, Moral und Vergangenheit.

Diese Themen verleihen dem Spiel eine unerwartete emotionale Tiefe, die weit über die humorvolle Fassade hinausgeht.

Kritikpunkt: Die Minispiele

So beeindruckend Story und Atmosphäre auch sind – ein großer Schwachpunkt bleibt: die Minispiele.

Was als Abwechslung gedacht ist, entwickelt sich im Verlauf zu einem echten Stimmungskiller. 

Zwischen spannenden Verhören und dramatischen Wendungen tauchen immer wieder kleine Spielchen auf, etwa:

° Schießübungen auf einem Schießstand

° Karten- oder Kombinationsspiele

Quicktime-ähnliche Reaktionsaufgaben

Diese Einlagen bremsen den Spielfluss massiv. 

Sie wirken selten organisch in die Handlung integriert und fühlen sich oft wie Füllmaterial an, das den Spielfortschritt künstlich streckt.

Während manche Spieler vielleicht Spaß an der Auflockerung finden, dürfte für die meisten Adventure-Fans gelten: Die Stärke des Spiels liegt im Erzählen, nicht im Spielen solcher Mini-Gimmicks.

Einige Kritiker bemängeln, dass genau diese Momente den Rhythmus zerstören – und das ist ein berechtigter Punkt.

Fazit – Ein Noir-Meisterwerk mit kleinen Kratzern

Chicken Police: Into the HIVE! ist ein herausragendes Adventure mit einer einzigartigen Identität. 

Es kombiniert:

° großartige Charaktere,

° tiefgründige Themen,

° starken Humor,

° hervorragende Vertonung

und eine visuell beeindruckende Noir-Ästhetik.

Das Spiel erzählt keine simple Detektivgeschichte, sondern eine metaphorische Parabel über Gesellschaft, Schuld und Moral – und das mit Hähnen in Trenchcoats.

Doch so sehr das Spiel inhaltlich glänzt, so sehr stolpert es spielmechanisch über seine Minispiele. 

Diese stören den Fluss und stehen der Erzählung manchmal im Weg.

Trotzdem: Wer Noir liebt, wer kluge Dialoge und komplexe Welten schätzt, wird Into the HIVE! nicht so schnell vergessen.

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